Menü
Anmelden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg

Home Sonderthemen Neuruppin Gedämpfte Erwartungen
11:45 19.12.2019
Unterstützung zur eigenen Mobilität ist ein Fokus beim neuen Pflege-Tüv. FOTOS:PATRICK PLEUL/DPA

Von Gerald Dietz 

Der Bedarf für ein aussagekräftiges Qualitätsbewertungssystem zu Pflegeheimen ist groß. Betreuungsbedürftige und Angehörige fühlen sich zurecht überfordert, die Entscheidung für eine solche Einrichtung nur nach eigenem Augenschein treffen zu müssen. Doch Patientenschützer warnen vor zu hohen Erwartungen an den sogenannten neuen Pflege-Tüv, der nach jahrelanger Kritik am vorherigen Modell bis Ende 2020 greifen soll. Das alte System sei ein „Desaster“ gewesen, sagt der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Es stehe aber noch in den Sternen, ob der neue Tüv zu verlässlichen Ergebnissen führen werde.

Weiterhin sollen die Träger der Heime selbst Versorgungsqualitäten der Bewohner messen. Eine externe Überprüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen erfolgt in Stichproben.
   

Bislang fand eine Beurteilung nach Schulnoten statt, deren Gewichtung untereinander fragwürdig war. So konnte etwa schlechte Qualität der Pflege durch einen guten Speiseplan ausgeglichen werden. Zweifelhafte Bestnoten waren die Folge.

Bis Ende 2020 sollen alle der über 13 000 Pflegeheime in Deutschland nach dem neuen Verfahren geprüft sein. Die Bewertungen sind detaillierter geplant und sollen nicht mehr zu einer Gesamtnote führen. Vorgesehen ist ein zweistufiges System, das internes Qualitätsmanagement mit externen Prüfungen verknüpft. Die Heime sind aufgefordert, Daten zu Themen wie Mobilität und Selbstversorgung der Bewohner zu liefern. Um mehr Neutralität zu wahren, sollen alle 14 Monate Prüfer der gesetzlichen und privaten Kassen die Qualität der Heime in Augenschein nehmen. Die aus den Angaben resultierenden Ergebnisse werden von den Pflegekassen im Netz veröffentlicht.

Von den Heimen angegebene Daten etwa über die Versorgung und Selbstständigkeit der Bewohner, das Auftauchen von Druckgeschwüren oder aber ungewollten Gewichtsverlusten sollen alle sechs Monate an eine Datenauswertungsstelle (DAS) übermittelt werden, die sie prüft und mit anderen Ergebnissen aus Deutschland vergleicht. Jedes Heim wiederum bekommt von der DAS einen Bericht, ob es besser oder schlechter als der bundesweite Durchschnitt abschneidet.

Eine jährliche Qualitätsprüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) wiederum soll eine statistische Untersuchung und Stichproben in Form der Befragung von jeweils neun Bewohnern und deren Versorgung umfassen. „Es ist fraglich, ob auf dieser Basis tatsächlich die Realität erfasst werden kann“, gibt Patientenschützer Brysch zu bedenken.

Im persönlichen Gespräch mit dem Prüfer sollen Betreute aus ihrem Alltag in der Einrichtung berichten: Also, wie verläuft die Unterstützung beim Essen, Trinken oder bei der Körperpflege vor dem Hintergrund, die eigene Mobilität möglichst zu erhalten? Inwiefern kümmert sich das Heim um die ärztlichen Therapien oder bei Krankheiten allgemein? Wie sieht es mit der Gestaltung des Alltagslebens und der Förderung sozialer Kontakte aus?

Zusätzlich sollen die MDK-Mitarbeiter die vom Heim selbst erhobenen Daten auf ihre Plausibilität hin untersuchen. Nach der Qualitätsprüfung folgt ein Bericht für die Pflegekasse und die Pflegeeinrichtung. Stellt der Prüfer Mängel fest, schlägt er Maßnahmen zur Beseitigung dieser vor. Zusätzlich kann die Kasse Auflagen erteilen, eine wiederholte Prüfung durch den MDK veranlassen oder sogar die Vergütung mindern und den Versorgungsvertrag kündigen. Brysch bezeichnet es als schwierig, mit dem neuen System und seinen Bewertungsmethoden Orientierung und auch einen Vergleich mit anderen Pflegeheimen erreichen zu können. (mit dpa)
  

Das persönliche Gespräch der Prüfer mit Bewohnern hat verschiedene Hintergründe.

Eine notwendige Funktion der Änderung im Bewertungssystem ist auch, den Heimbewohnern künftig eine Stimme und Lobby zu geben.

Ohne den direkten Kontakt des Medizinischen Dienstes zu einzelnen Betreuten der Einrichtungen scheint zudem eine ehrliche und personenbezogene Heimbewertung nicht in der Form möglich zu sein, wie sie angebracht ist.
  

Roboter Pepper wurde auf Messe-Tour geschickt, um für die Digitalisierung der Pflegebranche zu werben. FOTO: J. STRATENSCHULTE/DPA
Roboter Pepper wurde auf Messe-Tour geschickt, um für die Digitalisierung der Pflegebranche zu werben. FOTO: J. STRATENSCHULTE/DPA

Aktuell steht die Digitalisierung des Gesundheits- und Pflegesektors in Politik und öffentlicher Diskussion hoch im Kurs. Ob Rezept-Apps, E-Patientenakte oder Virtual Reality für Demenzkranke – Anwendungen für digitale Technologien gibt es viele. Kürzlich beschloss das Bundeskabinett das Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (DVG). „Endlich kommen Dinge in Bewegung – wenn auch mehr als spät“, so Karsten Glied, Geschäftsführer der IT-Lösungen in der Gesundheitswirtschaft entwickelnden Techniklotsen GmbH. Doch ist dies in der Bevölkerung überhaupt akzeptiert und gewünscht?

Grundsätzlich glauben die Deutschen an die digitale Zukunft der Pflege. Mehr als die Hälfte der Befragten einer Studie wünscht sich sogar verstärkten Einsatz digitaler Anwendungen. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sehen sieben von zehn dies als Chance. Und das auch, weil fast 80 Prozent die Anforderungen an das Pflegepersonal im Gesundheitswesen als sehr hoch einschätzen. „Ein klares Zeichen dafür, dass die Erkenntnis der Überbelastung des Gesundheitswesens nun in der Bevölkerung angekommen ist und Digitalisierung als mögliche Lösung identifiziert wird“, so Glied.

Sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Pflege könnten smarte Prozesse wertvolle Dienste leisten und in einer immer älter werdenden Gesellschaft zugleich auch der Schlüssel für ein langes Leben in den eigenen vier Wänden sein. Denn digitale Technologien können und sollen laut Glied das Personal nicht ersetzen, sondern sinnvoll unterstützen, um die Qualität der Pflege langfristig zu verbessern. Das sehen auch über 62 Prozent der Befragten ähnlich: Wenn sie die Wahl hätten, ins Pflegeheim zu gehen oder sich zu Hause durch intelligente digitale Anwendungen überwachen und helfen zu lassen, würden sie mehrheitlich die smarte Unterstützung daheim wählen. Drei Viertel zeigen sich überzeugt, dass das Pflegepersonal dank smarter Anwendungen körperliche Entlastung erfährt und mehr Zeit für die eigentliche Betreuung hätte. „Nicht die Otto Normalverbraucher sind das Hindernis, mit dem die Digitalisierung kämpft“, glaubt Glied. Sie hätten die technologische Entwicklung akzeptiert.

Für die größte Problematik bei der Umstellung auf digitale Anwendungen hält die Hälfte der Bürger die Gewährleistung von Datenschutz und -sicherheit. Auch die Angst vor weniger menschlicher Pflege und einer Isolation der Bedürftigen ist vorhanden. Trotzdem zeigt sich nach Ansicht der Techniklotsen, dass die Befragten optimistisch in die Zukunft blicken, wenn es um Digitalisierung geht.

85 Prozent meinen, dass es in zehn Jahren gang und gäbe sei, dass Angehörige in Notfällen wie etwa bei einem Sturz eines zu Betreuenden automatisch via Smartphone benachrichtigt werden. Genauso viele glauben, dass sich die GPS-Ortung von Pflegebedürftigen, wie Demenzerkrankten, zum Standard entwickelt. Auch der elektronischen Patientenakte (E-Akte) und der Telemedizin prophezeien drei Viertel einen flächendeckenden Einsatz. gd
  

Datenschutz