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Home Sonderthemen Oberhavel Löwenberger Land: Pfarrer kommen über Youtube ins Wohnzimmer
20:23 14.04.2020
Eine Auswahl der Mund- und Nasenschutze, die in der Caritas- Werkstatt produziert werden. Einige Stoffe waren schon vorrätig, andere wurden dazugekauft.

Gutengermendorf. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal für Youtube ein Video drehen und hochladen würde. Aber Corona hat meine Kollegen und mich dahin gebracht.“ Das sagte Juliane Lorasch Mitte März – auf einem Video auf Youtube. Sie ist seit Anfang 2019 Pfarrerin im Pfarrsprengel Löwenberger Land und dort für den Nordbereich zuständig. Gemeinsam mit weiteren jungen Pfarrerinnen und Pfarrern tat sie sich nach dem ausgesprochenen Kontaktverbot zusammen.

„Wir haben einen Youtube-Kanal gegründet und möchten auf dem Weg versuchen, unsere Gemeindemitglieder zu erreichen“, erzählt die 31-Jährige. „Denn so, wie bisher, geht es ja nicht weiter.“ Auch der Ostergottesdienst soll via Monitor in die Stuben der Gläubigen kommen; wahlweise auch auf den mobilen Geräten wie Smartphone oder Tablet. Für die Kirche sei die Corona-Krise auch deshalb besonders schwierig, „weil Kirche ja mit Zusammenkommen zu tun hat“. Es seien nicht nur die Gottesdienste, die Menschen zusammenführen. Auch Beerdigungen oder die Gruppen, die sich regelmäßig treffen, hätten viel mit Nähe zu tun. „Und jetzt fällt auch noch Ostern unter die Regelung – unser größtes Fest“, bedauert die Pfarrerin. „Aber wir sind am Probieren und Improvisieren, widmen uns dem Thema ‚digitale Kirche‘ ziemlich intensiv.“ Der Kirchenkreis Oberes Havelland und andere Pfarrer hätten das schon in die Tat umgesetzt.

Ein Weg, bei den Mitgliedern zu sein, ist der Youtube-Kanal „heuteundmorgen“. Die ersten Videos sind gemacht und hochgeladen. Das sei alles nicht auf höchstem technischen Niveau, aber die Pfarrerinnen und Pfarrer hätten die Chance, an die Mitglieder zu kommen. „Bei mir ist die Kamera, die ich für das Video brauche, zum Beispiel mein Telefon“, so Juliane Lorasch schmunzelnd. „Es soll einfach und natürlich sein.“

Zusammengetan hat sich Juliane Lorasch mit dem Liebenwalder Pfarrerspaar Michaela Jecht/Matthäus Monz und der in Herzberg ansässigen Pfarrerin Christine Gebert – junge Menschen, die den neuen Weg ausprobieren. Die Idee von ihnen ist es, für den Ostergottesdienst ein gemeinsames Video zu drehen und zusammenzuschneiden, das dann online geht. Mit den ersten Filmen erreichten sie beachtliche Aufrufe- Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Kirchengemeinden relativ klein sind. Die ersten Videos hatten 130 bis 435 Aufrufe. Es gibt den Kirchenvertretern neue Gestaltungsmöglichkeiten.
Dabei ist der Betrieb der Caritas-Werkstatt Oranienburg wegen der Pandemie aktuell sehr weit heruntergefahren worden. Die meisten der etwa 430 Menschen mit Behinderungen stehen wegen der Corona-Krise zurzeit nicht an ihrem Arbeitsplatz. Nur etwa 30 Caritas-Mitarbeiter seien im Einsatz, um die kritische Infrastruktur wie Wäscherei oder Kantine aufrechtzuerhalten. Das hochmoderne Fertigungs- und Dienstleistungsunternehmen bündelte die Kräfte und technischen Ressourcen. Die Produktionsstrecke fürs Nähen der Mundschutze sei, so Christoph Lau, in einem zurzeit stillgelegten Bereich aufgebaut worden. „Zehn Frauen haben sich bereiterklärt, um den Mund-Nasen- Schutz zu nähen“, sagt Produktionsleiter Sören Neubert. Darunter sind auch festangestellte Mitarbeiterinnen.
               

Pfarrerin Juliane Lorasch gründete einen Youtube-Kanal. FOTOS: STEFAN. BLUMBERG; ADOBE STOCK/ VISIONS-AD
Pfarrerin Juliane Lorasch gründete einen Youtube-Kanal. FOTOS: STEFAN. BLUMBERG; ADOBE STOCK/ VISIONS-AD

Juliane Lorasch versuchte es mit einem „Popcorn-Gebet“. Die Kamera hielt die ganze Zeit über fest, wie Popcorn im Topf zubereitet wird, Körner aufpoppen, an den Deckel springen. Sie selbst ist nur zu hören. Während es im Topf blubbert und springt, dankt sie Gott für jedes Gespräch mit den Menschen auf der anderen Straßenseite und für jede Rolle Klopapier, die noch zu Hause ist. Sie bittet, dass sich Kinder und Eltern, die derzeit aufeinanderhocken, nicht ständig nerven und streiten. Und zu Corona: „Das ist doch alles verrückt! Lass es schnell vorbei sein.“

Trotz der Video-Idee sucht die Pfarrerin auch über den „analogen Weg“ Kontakt zu den Menschen. So gab es eine Sonderausgabe des Gemeindebriefs, für den sie ihren Beitrag leistete. Sie schickte Postkarten an Frauenkreise oder Gemeindekirchenräte. Wie einschränkend die aktuelle Situation ist, erfuhr die Pfarrerin, die ihren Sitz in Gutengermendorf hat, jüngst bei ihrer ersten Beerdigung zur „Corona-Zeit“. Es sei seltsam gewesen. „Nur fünf Trauergäste waren anwesend, mehr durften es auch nicht sein. Wir saßen alle weit auseinander, um den geforderten Abstand einzuhalten. Aber die Familie möchte die Trauerfeier zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.“

Trotz der Herausforderungen ist Juliane Lorasch, die sich in ihrem zweijährigen Entsendungsdienst befindet, gutgelaunt. „Ich bin, glaube ich, hier gut angekommen. Ich bin in unterschiedlichen Dörfern unterwegs und weiß mittlerweile, wie die Einwohner ticken. Der Menschenschlag gefällt mir“, so die Berlinerin, die über Strausberg nach Gutengermendorf kam. Und: „Ich würde auch gern hier bleiben.“

Wider Erwarten wird sich das Osterfest nun für sie anders gestalten als noch vor dem Corona-Zeitalter geplant. So werden neben den Gottesdiensten nach traditioneller Art auch der Tischabendmahl-Gottesdienst in Falkenthal und die beiden geplanten Taufen entfallen. Um an das Osterfest auf andere Art zu erinnern, wurden in der vergangenen Woche 400 Kerzen an die Kirchenmitglieder in ihrem Bereich verteilt. Und dann ist da ja noch das Video. Von Stefan Blumberg

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