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Home Sonderthemen Fläming Gestärkte Muskeln machen den Rücken fit
06:09 19.02.2019
Rückenschmerzen können quälend sein. FOTOS: STOCK.ADOBE.COM, DPA

Von Gerald Dietz   
  
Rückenbeschwerden zählen zu den am weitesten verbreiteten Leiden und sind laut einer Studie der Krankenkasse DAK mittlerweile der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen in Deutschland. Die Funktionstüchtigkeit von etwa 150 wirbelsäulennahen Muskeln entscheidet über das Auftreten der Schmerzen. Davon gehen Fachleute der Aktion Gesunder Rücken (AGR) aus, die niedergelassene Ärzte und solche aus der Klinik vereint. Diese vor allem im Rücken aber genauso im Bauchraum konzentrierte, meist tiefliegende Muskulatur und auch dort konzentrierte Bindegewebsstrukturen – Faszien genannt – können das Risiko für Beschwerden und bereits bestehende Schmerzen lindern.

Der Tag der Rückengesundheit, der in rund vier Wochen, am 15. März, zum 18. Mal stattfindet, soll einen Beitrag dazu leisten, die Muskeln der Mitte im Bauch- und Rückenraum zu stärken und so Schmerzen zu vermeiden. Das diesjährige Motto: „Stärke deine Muskeln – bleib‘ rückenfit!“. Initiiert und organisiert wird der Aktionstag von der AGR und dem Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR).

Bei einer Umfrage der AGR gaben 70 Prozent der Befragten an, mindestens einmal pro Monat unter Rückenschmerzen zu leiden, 44 Prozent der Menschen mit Bürojob leiden sogar einmal pro Woche oder öfter darunter. Ein Drittel fühlt sich demnach durch die Beschwerden in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Die meisten haben sich aber offenbar mit ihrem Schicksal abgefunden. Denn nur zehn Prozent suchen laut Umfrage regelmäßig wegen ihrer Beschwerden einen Arzt oder Therapeuten auf.

In Deutschland nehmen 17 Millionen Menschen Tag für Tag im Büro Platz. Für sie gibt es viel zu tun, aber die meisten der insgesamt 656 Muskeln im menschlichen Körper haben nur wenig Möglichkeiten zur Bewegung. Mit dem Stärken ist es dann so eine Sache: Etwa 80 000 Stunden verbringt ein Büroangestellter im Laufe seines Berufslebens im Sitzen. Das hat Einfluss auf die Muskulatur: Dürfen Muskeln keine Kraft entwickeln und werden nicht bewegt, können sie ihre Funktion verlieren – Muskelschwund und Muskelverspannungen sind die Folge.

Muskeln übernehmen zentrale Funktionen im gesamten Körper: Zusammen mit Knochen, Gelenken und Nerven gehören sie zu den wichtigsten Bestandteilen des menschlichen Bewegungssystems. Eine funktionierende Muskulatur spielt also nicht nur beim Kampf gegen Rückenschmerzen eine Schlüsselrolle. Um Muskeln zu stärken, ist regelmäßige körperliche Aktivität ratsam. Neben Gehen, Radfahren und Joggen bietet sich dabei auch gezieltes Muskeltraining in Form von Sport, Therapie oder Rehabilitation an.

Spezielle Übungen zur Stärkung der Körpermitte in der Freizeit sind eine Sache. Aber ebenso Haus- und Gartenarbeit zählen als Bewegung und können der Prävention dienen. Das lange Sitzen im Büro lässt sich zum Teil ausgleichen. Eine aufrecht-dynamische Körperhaltung sowie rückenfreundliche Bewegungsmuster beim Bücken, Heben und Tragen schaffen Entlastung. Damit die Muskeln langfristig funktionstüchtig bleiben, sind zudem eine vollwertige, ausgewogene Ernährung und gutes Stressmanagement ratsam. Denn: Dauerstress gilt als eine Hauptursache für Nacken- und Rückenverspannungen.

Am Tag der Rückengesundheit bieten zahlreiche Gesundheitsinstitutionen, wie ärztliche und therapeutische Praxen, Rückenschulen, Apotheken sowie AGR-zertifizierte Fachgeschäfte in der ganzen Republik ein umfangreiches Programm mit vielen Aktionen, wie Schnupperkursen, Workshops und Infoveranstaltungen an. Im Zentrum steht dabei die Aufklärung über die Therapie und Prävention von Rückenbeschwerden. Welche Übungen im Büro oder zu Hause sind für den Rücken besonders gut? Wie führe ich sie korrekt aus? Besucher erhalten Informationen und Praxisdemonstrationen für das effektive rückenspezifische Krafttraining.

Info www.agr-ev.de/tdr

Ein stressiger Job lässt den Körper verspannen – speziell Rücken- und Nackenmuskulatur. Sinnvoll ist, Arbeitsplätze und Abläufe so zu gestalten, dass sie mehr Bewegung und Flexibilität zulassen.

Das Büro können ergonomische Sitzmöbel, wie höhenverstellbare Tische und Pulte rückengerechter machen.

Abhilfe schafft auch, den Körper öfter zu bewegen: Dehnübungen für Schultern und Nacken, Schritte zum Kollegen statt der E-Mail und Spaziergänge in der Pause.

Häufig an der Halswirbelsäule: Bandscheibenvorfälle. FOTO: FOTOLIA
Häufig an der Halswirbelsäule: Bandscheibenvorfälle. FOTO: FOTOLIA

Ein Bandscheibenvorfall gilt als eine der schwersten Formen von Rückenleiden. Während früher Ärzte neben einer Operation und dem Verabreichen von Spritzen vor allem Ruhe empfahlen, haben sich die Therapieformen heute gewandelt.

Akuter Handlungsbedarf im Sinne einer Operation bestehe erst, wenn der ausgetretene Gallertkern der betroffenen Bandscheibe auf einen Nerv drücke, sagt der Neurochirurg Munther Sabarini. „Auch dann empfiehlt sich zunächst eine medikamentöse Behandlung oder der Weg zum Physiotherapeuten nach Absprache mit dem Arzt“, so der Gründer der Avicenna-Klinik in Berlin, die sich auf Wirbelsäulen- und Gelenkchirurgie spezialisiert hat. Erst wenn diese Maßnahmen keine Besserung bringen oder Lähmungserscheinungen auftreten, sollten sich Betroffene über Alternativen, wie minimalinvasive Methoden, informieren. Sabarini empfiehlt, dann sofort Kontakt zu einem Arzt aufzunehmen, um das Vorgehen zu besprechen und langfristige Nervenschäden zu vermeiden.

Bei einem Bandscheibenvorfall tritt der Gallertkern aus einem ihn umgebenden Faserring und kann auf umliegende Nerven drücken, was bei den Betroffenen in vielen Fällen zu starken Schmerzen führt. Besonders häufig tritt ein Bandscheibenvorfall an der Hals- oder der Lendenwirbelsäule auf, wo die Belastung am größten ist. Zu den Risikofaktoren zählen Übergewicht, mangelnde Bewegung sowie fortschreitendes Alter, das die Elastizität der Bandscheibe in Mitleidenschaft zieht und den Faserring porös macht.

Während früher Ärzte davon ausgingen, dass Ruhe die Schmerzen lindern würde, wisse man heute, „dass das Gegenteil der Fall ist“, so Sabarini. Eine Kräftigung der Rückenmuskulatur stabilisiere die Wirbelsäule und versorge ebenso die Bandscheiben mit Flüssigkeit und Nährstoffen. Auch bei Operationen würden Ärzte heute anders arbeiten. Statt wie früher große Schnitte am Rücken zu setzen und meist die gesamte Bandscheibe zu entfernen, bedenke man heute mehr die Risiken wie Infektionen, Wundheilungsstörungen und bei Komplikationen auch eingeschränkte Beweglichkeit. „Heutige Methoden sind weniger aufwendig und erfordern nur einen kleinen Einschnitt, um ausschließlich den hervortretenden Kern zu entfernen“, so der Neurochirurg.


Muskel-Skelett-Erkrankungen insgesamt sind zuletzt die häufigste Ursache für Krankschreibungen in Brandenburg gewesen. Das geht aus dem aktuellen Report der Barmer-Krankenkasse für 2017 hervor. Unter diesen Leiden dominierten Rückenschmerzen als Einzelkrankheit mit einer durchschnittlichen Fehlzeit von 1,22 Tagen bei weiblichen und 1,44 Tagen bei männlichen Beschäftigten.

2017 war demnach statistisch jeder Brandenburger Beschäftigte 4,8 Tage wegen einer Muskel-Skelett-Erkrankung krankgeschrieben – länger als in jedem anderen Bundesland. Psychische Erkrankungen waren die zweithäufigste Gruppe bei Krankschreibungen mit 3,6 Fehltagen je Beschäftigtem.

„So unterschiedlich die Ursachen individuell auch sind, mehr Bewegung hilft, viele Erkrankungen zu vermeiden und Leiden zu lindern“, so Gabriela Leyh, Barmer-Landesgeschäftsführerin in Brandenburg und Berlin.

Die Barmer wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es mit regelmäßiger Bewegung sowohl für psychische als auch für Muskel-Skelett- Erkrankungen Präventionsmöglichkeiten gibt. „Das stärkt nicht nur das Muskelsystem, sondern auch die seelische Gesundheit“, sagt Leyh. Studien hätten gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, auch seltener depressive Phasen hätten. Dabei gehe es nicht um Leistungssport, sondern einfach mehr körperliche Aktivität.


Stress mit der Digitalisierung am Arbeitsplatz schwächt die Arbeitskraft. Das legt eine neue Studie von Wissenschaftlern der Universität Augsburg nahe, die insgesamt 2640 Arbeitnehmer befragten. Demnach leidet mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer, die sich hohem digitalen Stress ausgesetzt sehen, unter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und allgemeiner Müdigkeit.

Die Studie brachte ein überraschendes Ergebnis: 25- bis 34-Jährige empfinden durch die neuen Technologien größere Belastung als ältere Kollegen. Und Frauen sollen digital gestresster sein als Männer. Projektleiter Henner Gimpel – ein Wirtschaftsingenieur – und seine Kollegen erstellten die Untersuchung gemeinsam mit der Fraunhofer Projektgruppe Wirtschaftsinformatik. Gefördert wurde die Studie von der Hans-Böckler-Stiftung des DGB. Die Wissenschaftler fragten die Arbeitnehmer zunächst, welche von 40 Technologien sie bei der Arbeit nutzen – angefangen vom Festnetztelefon übers Navi bis zu künstlicher Intelligenz. Anschließend wurden Stressempfinden, berufliche Belastung, Krankheitstage und Ähnliches abgefragt.


Kraft und Ausdauer sind der Inbegriff von Fitness. Dabei wird schnell vergessen, dass auch das Gleichgewicht trainiert werden will. Wer seine Balance herausfordert, optimiert das Zusammenspiel von Muskeln und Nerven. Grund: Die Störung des Gleichgewichts weckt Sensoren in den Gelenken und Muskeln, erklärt Astrid Zech, Professorin für Bewegungs- und Trainingswissenschaft. Die Muskeln lernen durch dieses Gegensteuern, Gelenke zu stabilisieren. Das schützt vor Verletzungen. Besonders effektiv wirken die Übungen bei Rückenschmerzen. Absichtlich aus dem Gleichgewicht zu geraten, trainiert die Rumpfmuskulatur stärker als klassisches Gewichtestemmen.


Mit regelmäßigem Training können Betroffene die Zahl von Schmerzattacken des Rückens um rund die Hälfte senken, erklärt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Besonders geeignet sind demnach spezielle Trainingsprogramme, die Muskeln rund um den unteren Rücken stärken und stabilisieren. Tai-Chi, Pilates und Yoga seien ebenso gut für den Rücken. Die ersten Trainingseinheiten seien oft schmerzhaft, warnen die Experten. Nach ein paar Wochen sollten diese Gewöhnungsschmerzen aber vorbei sein. Ernsthafte Schäden seien nicht zu erwarten.

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