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Home Sonderthemen Prignitz Warum der Admiral nicht ruhen kann
08:11 13.12.2019
Diese Figur aus dem 17. Jahrhundert in der Mödlicher Kirche scheint den Admiral zu erwarten. FOTO: KERSTIN BECK

Von Kerstin Beck  

Lenzen. Wir schreiben den 8. Dezember 1676. Nach einem erfüllten Leben vollendet der Amtmann, Witwer und Vater einer Tochter, Arnold Gijsels van Lier, im gesegneten Alter von 83 Jahren sein abwechslungsreiches Leben. Gemäß seinem Wunsch wird der gebürtige Holländer bei seinen geliebten Mödlichern am Ostgiebel der dortigen Kirche zu seiner letzten Ruhe gebettet – in einem reich verzierten Sarkophag, der in einem eigens dafür angefertigten zehn mal zehn Fuß messenden Grufthäuschen steht. Zwei Jahre später folgt die zweimal verehelichte Tochter Klara von Meerettig/von Siedenburg ihm nach. Ihre sterblichen Überreste liegen in einem ebenso reich verzierten hölzernen Sarg.

Warum dort? Mödlich war Bestandteil des damaligen Amtes Lenzen, und es muss wohl eine gegenseitige Sympathie zwischen den fleißigen und wohlhabenden Bauern, deren plattdeutsche Mundart den Amtmann an die Sprache seiner Heimat erinnerte, bestanden haben.

1593 auf Festung Loevestein geboren, war der Holländer im Alter von 16 Jahren in den Dienst der Ostindischen Kompanie eingetreten. Aufgrund seiner Verdienste wurde er in den Adelsstand erhoben und als Gouverneur auf der Molukken-Insel Ambon, die zur Zeit der holländischen Herrschaft zugleich deren militärisches Zentrum und das weltweite Zentrum der Produktion von Gewürznelken war, eingesetzt.

Der Statthalter der Vereinigten Niederlande, Prinz Friedrich Hinrich von Oranien, sandte den verdienstvollen Admiral nach dessen Heimkehr zu seinem Schwiegersohn, den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der van Lier schließlich 1651 mit der Führung des Amtes Lenzen betraute. Dort widmete sich der Geheimrat in einem 16-Punkte- Programm des wirtschaftlichen Aufbaus der durch den 30jährigen Krieg gebeutelten Region. An sein Wirken erinnern heute noch die breit gebaute Neustadt-Straße, das klug angelegte Deichsystem mit dem Achter- und dem Praggerdeich, etliche Briefe an den Kurfürsten – und die beiden Sarkophage. Als im März 1888 ein nie gekanntes Hochwasser die Lenzer Wische überflutete, sollen die Totenschreine im Wasser geschwommen haben. Nach Abzug des Wassers wurden die beiden Särge zu einem wassersicheren Ort gebracht: in den Havelberger Dom. Nachdem Professor Rudolf Virchow, der bekannte Pathologe und Prähistoriker aus der Berliner Charité, dort die beiden Kisten geöffnet hatte, wurden die sterblichen Überreste des Admirals und seiner Tochter am 12. Dezember 1912 in einem feierlichen Gottesdienst an ihrem ehemaligen Standort beigesetzt. Ein Jahr später setzte man einen in Reetz entdeckten Findling – der allerdings nicht das richtige Geburtsdatum des Mannes zeigt – als Grabstein auf die Ruhestätte.

Nachdem in Lenzen 1959 ein Heimatmuseum entstanden war, wurden die Sarkophage sowie van Liers Helm und Armschienen, die bislang im Besitz des 1904 gegründeten Havelberger Prignitz-Museums gewesen waren, im Bereich des unteren Burgturms ausgestellt. Nach der Restaurierung des Mödlicher Kirchturmes 1998 kamen die Totenschreine zurück nach Mödlich und sind bei Führungen zu besichtigen.

Der „große Wohltäter der Lenzer Wische“, wie er in der Vergangenheit bezeichnet wurde, soll sich noch immer um das Wohlergehen der Mödlicher sorgen, in denen er die Nachfahren seiner holländischen Mitbürger zu erkennen glaubte. Der Sage nach soll er die Einwohner vor drohenden Hochwasserkatastrophen, schweren Stürmen und Unwettern, wie sie insbesondere in der Winterzeit auftreten, warnen. Dann klappt nachts sein Sarg auf, der Admiral schreitet, angetan in seine prunkvolle Rüstung, den Deich entlang, um sich erst gen Mödlich, dann in Richtung Lenzen zu wenden. Unterdessen ist die Kirche hell erleuchtet, und von innen ertönen Gesang und die Worte des 23. Psalmes: „Der Herr ist mein Hirte und mir soll nichts mangeln!“ Der Admiral kommt zurück, der Sarg klappt zu. Und dann kommt nur noch das Hochwasser – und bald ist Weihnachten ...
       

Min Ruh`ist hin seit ik im Grabe bin denn in Motelik da wor min Glück.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Ach, wie bald dat Water kalt seh`ik schon an`n Diek hengoahn!

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Min Lei is voll Glut nun müt ik ruut. Will nun goahn no`m Rechten soahn. Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Noa Lenzen ik go dann Motelik to. Un mien Helm un Flagg sin witt as bi Tag.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Up `n Diek alleen bliw ik nun stehn inne schwatte Nacht wo de Dunner kracht.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.

Ihr Buern all in Huus un Stall Water geswin wird bald hier sin!

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herren immerdar.

Trüch kann ik nu goahn wo miene Särge stoahn. Un bis de nächst Water ran ik in Ruh`slapen kann.

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