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Home Sonderthemen Neuruppin Fairness oder Ausbeutung?
14:30 25.08.2017
Pflegebedürftige sind in einigen Fällen rund um die Uhr auf eine Betreuung angewiesen. FOTOS: FOTOLIA; DPA

Von Gerald Dietz    

Schwarzarbeit Tag und Nacht, Ausbeutung, Hungerlohn, Sprachprobleme, wenig bis keine Ausbeutung – dieses Bild haben viele von meist osteuropäischen Kräften, die in deutschen Privathaushalten in der sogenannten „24-Stunden-Betreuung“ von Pflegebedürftigen tätig sind (s. Infokasten). Eine unter anderem von einem Vermittlungsdienst in Auftrag gegebene Umfrage versucht indes ein anderes Image zu vermitteln. Danach betrachten sich die Betreuungspersonen selbst als relativ fair behandelt und empfinden ihre Entlohnung oft als angemessen.

Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) und die Hausengel Pflege-Allianz haben die Studie bei der Berufsakademie für Gesundheits- und Sozialwesen Saarland (BAGSS) in Auftrag gegeben. Insgesamt wurden 904 polnische Betreuungspersonen, 94 Familienangehörige pflegebedürftiger Senioren und 65 Dienstleistungsunternehmen der Branche befragt.

Die zentralen Erkenntnisse der Studie laut Hausengel: Die Mehrheit der Betreuungspersonen bewerte ihr Beschäftigungsverhältnis als fair. Fast alle Befragten verfügen demnach über umfassende Erfahrung als Betreuungsperson, drei Viertel habe sogar Abitur – was immer das über die Qualifikation aussagt. Die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit betrage nach den Ergebnissen der Studie sechs Stunden und 47 Minuten, das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen rund 1200 Euro bei freier Kost und Logis, was einem Bruttoverdienst von 2000 bis 2200 Euro entspreche, so der Vermittlungsdienst. Demnach sind die Hauptaufgaben die klassische Hauswirtschaft (2:42 Stunden am Tag), die Betreuung (2:15 Stunden) und die Grundpflege (1:41 Stunden).

Verbraucherorganisationen und Gewerkschaften zeichnen dagegen ein anderes Bild. Bei den Angeboten handele es sich nach wie vor in vielen Fällen um „einen Grau- und Schwarzmarkt, meist ohne Sozialversicherung“, hält Catharina Hansen von der Verbraucherzentrale NRW dagegen. Die Organisation hat sich koordinierend auch für die Partner in den anderen Bundesländern mit dem Thema Pflege befasst. „Legal ist das vielfach nicht“, so Hansen. Eine 24-Stunden-Betreuung durch eine einzige Person könne es zudem gar nicht geben. „Die Personen stehen in einem Beschäftigungsverhältnis und nicht in einer vollständigen Abhängigkeit“, so Hansen. Der Betreuer habe genau wie jeder andere Anspruch auf Ruhezeiten, Freizeit und auch auf den Mindestlohn. Allenfalls als Ergänzung zu anderen Pflegeformen sei eine 24-Stunden-Betreuung vorstellbar.

Auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis und hält eine 24-Stunden-Betreuung durch lediglich eine Hilfskraft nur unter Ausbeutungsverhältnissen für möglich. Eine frühere Befragung der Gewerkschaft Verdi sieht ebenso die Beschäftigten unter extremer Belastung.

„Wir können nicht immer so tun, als wären diese Kräfte nicht da und als wären sie alle nicht qualifiziert und würden ausgebeutet“, meint dagegen Markus Oppel, Vorstandsvorsitzender der Hausengel. Die 24-Stunden-Kräfte sollten anerkannt und „offiziell in Pflegesettings“ integriert werden. VHBP-Geschäftsführer Frederic Seebohm geht sogar noch einen Schritt weiter: und fordert: „Die Betreuung in häuslicher Gemeinschaft ist zur selbstverständlichen und unverzichtbaren Versorgungsform alter und kranker Menschen geworden.“ Der Verband setze sich dafür ein, „dass sie nach der Bundestagswahl Eingang in das reguläre Pflegeversicherungssystem“ finde.

Umfängliche Betreuung zuhause

Angehörige stehen vor großen Problemen, wenn ein Mensch schwer pflegebedürftig wird. Einer umfänglichen Betreuung zuhause steht der Beruf entgegen, ein ambulanter Dienst reicht oft nicht aus und ein Heim kommt für viele nicht in Betracht.

Eine Alternative zum Heim kann die 24-Stunden-Pflege sein: Arbeitskräfte oft aus osteuropäischen Staaten, die Wochen oder Monate im Haushalt des Pflegebedürftigen wohnen, für betreuende Arbeiten bereit stehen und auch pflegerische Aufgaben wahrnehmen.

Agenturen vermitteln das Personal, aber es gibt Zweifel an der Legalität. Von der Pflegeversicherung werden die Kosten nicht übernommen, allerdings kann das den zu Betreuenden zustehende Pflegegeld für einen Teil der Kosten aufgewendet werden.

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