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Home Sonderthemen Neuruppin Ein erster Schritt
16:52 16.10.2020
Mehr als Blutdruck messen: Aufgaben in der Pflege sind vielfältig.
fotos: Marijan Murat/dpa; Uni Bremen

Rund 20 000 zusätzliche Assistenzstellen in Pflegeheimen soll der Bund in naher Zukunft finanzieren. Das sieht ein von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geplantes Gesetz vor, das ab 1. Januar 2021 in Kraft treten soll. Die Initiative kann nur der Anfang sein. Eine zugrundeliegende Studie der Universität Bremen sieht eigentlich einen Bedarf von 100 000 zusätzlichen Stellen in den Pflegeeinrichtungen.  

„Die Ergebnisse zeigen – im Verhältnis zur heutigen Personalausstattung der Pflegeheime – durchgehend Pflegepersonalmehrbedarfe“, sagt Heinz Rothgang vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, der die Untersuchung leitet. Das zeigt der Vergleich der Studienergebnisse mit den heute gültigen landesspezifischen Pflegepersonalschlüsseln. Das Ausmaß der Personalnot sei abhängig vom Bewohnermix und unterscheide sich zwischen den Bundesländern erheblich, so Rothgang.

Vorwiegend sieht die Untersuchung zunächst einmal einen Bedarf an Pflegeassistenzkräften – gelegentlich auch etwas abwertend gegenüber der Qualifikation „Hilfen“ genannt – mit einer Ausbildung im Umfang von ein oder zwei Jahren. Die durch eine Aufstockung hier gegebene Entlastung von höher qualifizierten Fachkräften würde allerdings dann auch bei diesen zu einem erheblichen Zuwachs des möglichen Leistungsvolumens führen.

Rothgang sieht in der von Spahn jetzt vorgelegten Gesetzesinitiative wie der Minister selbst nur „einen ersten Schritt“, mit dem die Bundesregierung beginne, die Empfehlungen des Forscherteams umzusetzen. Weitere müssten folgen. Was allerdings noch fehle, sei „ein Fahrplan dafür“. Der Gesundheitsökonom geht von einem mehrjährigen Umsetzungszeitraum aus. Dabei solle ein stufenweiser Personalaufbau verbindlich festgelegt und gleichzeitig in einem Modellprojekt die Auswirkung des Zuwachses auf die Qualität erforscht werden.



Die Ergebnisse zeigen durchgehend Pflegepersonalmehrbedarfe.

Heinz Rothgang, Universität Bremen


Die vom Bund initiierte Auftragsstudie, bei der sich das von Rothgang koordinierte Team in einer europaweiten Ausschreibung durchgesetzt hatte, ist eng mit der Gesetzesinitiative des Ministeriums verknüpft und geht damit über den sonst oft üblichen Anregungscharakter wissenschaftlicher Untersuchungen hinaus. Dabei füllt sie eine historische Lücke in der Bedarfsplanung der Pflege. „Obwohl ausreichendes und qualifiziertes Personal in Pflegeeinrichtungen eines der wichtigsten Strukturmerkmale ist, um gute Pflegequalität zu erzielen, gab es bisher in Deutschland kein wissenschaftlich fundiertes Personalbemessungsverfahren“, sagt Rothgang. Die bestehende Personalausstattung sei vielmehr historisch gewachsen und regional sehr unterschiedlich.

Zur Bestimmung der benötigten Personalmengen und -strukturen war ermittelt worden, wie viel Beschäftigte in welchem Qualifikationsmix für eine fachgerechte Leistungserbringung notwendig sind. Dazu wurden die Abläufe in Pflegeeinrichtungen und der Einsatz des Personals durch mehr als 240 eigens eingesetzte qualifizierte Beobachter in rund 70 Pflegeeinrichtungen begutachtet. Zusätzlich wurde eine Bewertung der Leistungsmenge, der aufgewendeten Zeit und der Qualifikation vorgenommen. Dabei waren 1400 Bewohner eingebunden. So konnte also jede Leistung auch auf den bestehenden Bedarf hin differenziert bewertet werden. Von Gerald Dietz

Vier Institute beteiligt
                      

Der Auftrag für ein einheitliches Personalbemessungsverfahren wurde mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz Ende 2015 in das Sozialgesetzbuch aufgenommen. Der Zuschlag für die Umsetzung dieses Projekts erging nach europaweiter Ausschreibung an ein Forscherteam der Universität Bremen.

Neben dem Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik sind auch das Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP), das Institut für Arbeit und Wirtschaft (iaw) und das Kompetenzzentrum für Klinische Studien Bremen (KKSB) der Universität beteiligt.

Die Datenerhebungen der Studie in den rund 70 ausgesuchten Pflegeeinrichtungen erfolgten von April bis Oktober 2018.

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