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00:08 14.12.2020
Jo Thießen und sein Team haben mit dem Packen von Präsentkörben alle Hände voll zu tun. FOTO: CHRISTIAN BARK

Ein majestätischer Storch thront neben einem Boot an der Havel und lässt den Blick auf der idyllischen Flusslandschaft ruhen. Auf dem Wasser gleitet ein turtelndes Schwanenpärchen dahin, am Ufer beobachtet ein Junge im farbenfrohen Anorak die Szenerie. Das friedvolle Bild könnte gerahmt an einer Wohnzimmerwand hängen. Wäre da nicht ein entscheidender Punkt: Das bemützte Kind misst acht Meter. Und ist ebenso wie der zehn Meter hohe Riesenzugvogel Teil des nun wohl größten Gemäldes in Brandenburg.

Insgesamt 2250 Quadratmeter umspannt das bunte Havellandporträt, das Fassadenkünstler Marco Brzozowski auf die vier Seiten des Betonbunkers der EEW-Abfallverbrennungsanlage gebracht hat. Und übertrifft damit zumindest größentechnisch sogar das berühmte Bauernkriegspanorama von Werner Tübke im thüringischen Bad Frankenhausen, das mit 1722 Quadratmetern als größtes Gemälde Deutschlands gilt. Um reine Größe gehe es aber gar nicht, wie Klaus Piefke, Geschäftsführer der EEW in Premnitz, betont. Das Unternehmen, das derzeit eine zweite Verbrennungslinie im Industriepark errichtet, will mit dem Anfang Dezember eingeweihten Riesengemälde auf seinem 14 Meter hohen Bunkerkopf auch Verbundenheit mit dem Havelland unter Beweis stellen. Die Neugestaltung des Verbrennungsbunkers inklusive Betonsanierung und Gerüstbau hat sich die EEW Premnitz eine halbe Von Jessica Kliem Million Euro kosten lassen. Mittel, für die man sich beim Gesellschafter von EEW Premnitz stark eingesetzt habe, wie Klaus Piefke sagt. Die Verschönerung mit regionalen Motiven der in die Jahre gekommenen Bunkeranlage, die bislang eher in verblasstem Rosa in den Himmel ragte, sei ihm wichtig gewesen. Dabei habe man sich als großer Arbeitgeber in der Region bewusst gegen eine Bemalung im Corporate Design entschieden und havelländischen Naturmotiven den Vorzug gegeben:„ Wir sind auch Havelland.“ Vier verschiedene Entwürfe hatte der Mögeliner Künstler Marco Brzozowski dafür ausgearbeitet. Auf dem Uferfest 2019 stimmten die Premnitzer über die zum Teil mit kräftigen Farben spielenden, abstrakten Landschaftsszenerien des 36-Jährigen ab. Sieger wurde der wohl realitätsgetreuste Vorschlag des Mögeliners, der bereits 2010 einen Konferenzraum von EEW in Premnitz gestaltet hatte. Wildtiere stehen hier ebenso im Vordergrund wie die Havel. Für den Entwurf habe er sich bei Spaziergängen am Wasser inspirieren lassen, sagt Brzozowski. Und auch seine eigenen Kinder hätten als Vorlage gedient. Der acht Meter große, in Rückenansicht gezeigte Junge auf der Vorderseite des Bunkerkopfs sei etwa von seinem Sohn inspiriert. Das auf der 250 Quadratmeter großen Seitenfläche entstandene Bild eines angelnden Mädchens, für das sich die EEW kurzfristig entschied, um den Bunkerkopf vollumfänglich zum Kunstwerk zu machen: Eine Anspielung an seine Tochter.

EEW-Geschäftsführer Piefke freut sich, dass man die farbenfrohen Motive auf dem Bunkerkopf auch aus der Ferne erkennen kann. Denn anders als vor der Rundumsanierung fügt sich der von der Bundesstraße 102 zwischen Premnitz und Döberitz deutlich sichtbare Betonbau nun gut in die westhavelländische Umgebung ein. Wo zuvor ausgewaschenes Rosarot in den Himmel ragte, sprießen nun zumindest optisch tiefgrüne Grashalme.

Und was für Halme. „Was von unten klein aussieht, ist dann ein zwei Meter großer Grashalm“, sagt Künstler Marco Brzozowski. Die Umsetzung des Riesenkunstwerks sei trotz 13-jähriger Erfahrung in der Gestaltung raumgreifender Flächen bisher sein anspruchsvollster Auftrag gewesen. In Mühlhausen hatte Marco Brzozowski 2018 etwa einen 500 Quadratmeter großen Hausgiebel als Gesamtkunstwerk gestatet. Die Betonleinwand des Premnitzer Bunkerkopfs, an dem der Künstler insgesamt über 180 Tage gearbeitet haben will, ist nun fast fünfmal so groß. 500 Milliliter Farbe pro Quadratmeter habe er für das Kunstwerk vermalt, so der Mögeliner. Orientierungshilfe auf der überdimensionierten Betonleinwand bot das Baugerüst mit seinen exakt zwei mal zweieinhalb Metern großen Parzellen. „Ich habe mir die Zeichnung vom Gerüstbauer schicken lassen und auf den Entwurf gelegt“, erklärt der Künstler. „Somit wusste ich dann, wo ich bin. Für eine grobe Einteilung ist das immer sehr hilfreich.“

Dennoch sei das Gerüst Fluch und Segen zugleich gewesen. Die von den einzelnen Gerüstteilen geworfenen Schatten erschwerten die Gestaltung weicher Farbübergänge. Und gerade die seien die eigentliche Herausforderung bei der Arbeit, so Brzozowski. „Man steht vor einem Kästchen und malt Strukturen und muss das unglaublich weich machen.“ Dabei müsse man sich vorstellen, wie die Farben aus der Distanz wirkten. Um sein Werk trotz Einrüstung schon während des Arbeitsprozesses möglichst umfassend begutachten zu können, habe er sich schließlich eine Drohne zugelegt, so der Mögeliner. Die Entfernung des Baugerüsts sei dennoch ein aufregender Moment gewesen. „Die Wand entblößt sich und man sieht jeden Makel. Das ist natürlich das Spannende.“

Im Herbst wurde das Gerüst entfernt, die wassernahe Naturidylle auf Beton vollständig enthüllt. Mit dem Ergebnis zeigen sich Künstler und EEW-Chef Piefke hoch zufrieden. „Für uns ist es wichtig, hier etwas hingestellt zu haben, das länger hält. Und das man sich auch in ein paar Jahren noch angucken kann“, so Piefke. Er habe sich eine andere Sichtweise auf die Industrie gewünscht. Und konstatiert: „Ich denke, das haben wir geschafft.“ Künstler Brzowowski, der die von einer Baufirma zuvor sanierte Betonfläche zunächst mit Tiefengrund strich und für die Wahl der geeigneten Farben einen Techniker zu Rate zog, geht davon aus, dass sein überdimensionaler „Havelspaziergang“ auch in über einem Jahrzehnt noch in voller Farbe strahlen wird. Die Schönheit des Havellandes bereichert den Industriepark also langfristig. Von Jessica Kliem