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Home Sonderthemen Neuruppin Angehörige sind die tragende Säule der Pflege
14:14 18.10.2019
Für ihre Betreuung benötigen auch pflegende Angehörige Unterstützung. FOTOS: JANA BAUCH/DPA-TMN

Von Gerald Dietz 

Die mit Abstand meisten Pflegebedürftigen werden durch Angehörige unterstützt und betreut. Bei 1,76 Millionen Menschen in Deutschland sind so nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Verwandte oder Freunde im Einsatz, die ihnen im Alltag unter die Arme greifen, körperliche oder auch medizinische Pflege übernehmen. Sie bilden damit die eigentlich tragende Säule in der Pflegeversicherung und können selbst Unterstützung dringend gebrauchen.

„Die Pflege von Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten bringt oftmals physische und psychische Belastungen mit sich, die nicht unterschätzt werden sollten“, sagt etwa Astrid Hopfengart vom Serviceteam der Krankenkasse KKH in Brandenburg. Die geleistete Betreuung verdiene „eine besondere Wertschätzung und Anerkennung“.

Um pflegenden Angehörigen die Arbeit zu erleichtern, unterstützen sie Pflegekassen unter anderem mit Schulungskursen. „In erster Linie geht es darum, praxisnahe Fragen zur häuslichen Pflege zu beantworten und Wissen zu Pflegekosten und Finanzierungsmöglichkeiten zu vermitteln“, so Hopfengart. Dies geschieht in klassischen Pflegekursen, als Seminar oder im Internet. Der Online-Pflege-Coach der KKH etwa bietet den Vorteil, dass die Themen selbstständig und individuell bearbeitet werden können. Zudem ist bei solchen Angeboten im Netz eine Art flexible Teilnahme möglich, zu Hause und im eigenen Lerntempo. „Diese Flexibilität ist gerade für pflegende Angehörige wertvoll“, weiß Hopfengart.

Auf Dauer ist die Pflege eines zu Betreuenden sehr anspruchsvoll. Damit pflegende Angehörige von ihrer Tätigkeit für einen gewissen Zeitraum Abstand gewinnen können, sind die Kassen auch verpflichtet, finanzielle Unterstützung für die Versorgung der Pflegebedürftigen während der Abwesenheit zu gewähren. So besteht der Anspruch auf die sogenannte Verhinderungspflege. Hier übernimmt ein anderer für eine begrenzte Zeit die Aufgaben. Das kann ein Nachbar, ein Freund oder aber auch ein ambulanter Pflegedienst sein.

Die Pflegekasse zahlt hier bei nicht verwandten und nicht im gleichen Haushalt wohnenden Pflegepersonen für bis zu sechs Wochen pro Kalenderjahr maximal 1612 Euro, wenn der Pflegebedürftige mindestens Pflegegrad zwei erreicht hat.

Darüber hinaus unterstützt die Pflegeversicherung auch die sogenannte Kurzzeitpflege in einer stationären Pflegeeinrichtung für bis zu acht Wochen pro Kalenderjahr. Auch hier werden ab dem Pflegegrad zwei maximal 1612 Euro gezahlt. Beide Unterstützungen sind auch miteinander kombinierbar.

Die Pflegekassen sind rechtlich dazu verpflichtet, Pflegekurse anzubieten. Freigestellt ist, ob sie dies in Eigenregie machen oder auf Kooperationspartner verweisen. Dazu können Pflegedienste oder auch Wohlfahrtsverbände zählen.

Die Angebote richten sich an pflegende Angehörige, aber auch andere an einer ehrenamtlichen Pflegetätigkeit Interessierte.

Diese Pflegekurse sind in aller Regel von den Pflegekassen kostenlos anzubieten.

Die Kurse werden üblicherweise in den Räumlichkeiten des schulenden Dienstleisters durchgeführt. Wenn eine Pflegestufe vorliegt, sind sie aber auch in der häuslichen Umgebung des zu Betreuenden möglich, was individuellen Rat fördert.

Mit Spielen der Memore-Box sollen Ressourcen bei Pflegebedürftigen gestärkt werden.        FOTO: RAINER SCHÜLER
Mit Spielen der Memore-Box sollen Ressourcen bei Pflegebedürftigen gestärkt werden.        FOTO: RAINER SCHÜLER

Schon Friedrich Schiller war sich bewusst: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Das gilt auch für solche in reiferen Jahren. Das computerbasierte Trainingsprogramm einer Konsole soll Spiel auf vielfältige Weise auch für Menschen mit Pflegebedarf digital möglich machen.

Eine Spritztour auf dem Motorrad, eine Runde Kegeln oder eine flotte Sohle aufs Parkett legen, diese und weitere spannende Aktivitäten bereichern bereits den Alltag von Bewohnern in 100 Pflegeheimen unter anderem auch in Brandenburg. Ermöglicht wird dies durch die „Memore-Box“. Die über die Konsole möglichen therapeutischen Videospiele sollen helfen, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten von Pflegebedürftigen zu fördern und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Nach einer erfolgreichen Pilotphase wurde kürzlich dazu ein Präventionsprojekt in Brandenburg gestartet. Initiiert wurde es unter anderem von der Barmer-Krankenkasse und dem Hamburger Start-up-Unternehmen Retro Brain R&D GmbH.

Für die virtuellen Aktivitäten wie Motorradfahren und Tanzen benötigen die Teilnehmer keine Steuerungsinstrumente wie bei konventionellen Spielkonsolen. Ein Kamerasensor erfasst schon sehr leichte Bewegungen der Spielenden. So können Pflegebedürftige teilnehmen, auch wenn sie geistig oder körperlich eingeschränkt sind und zum Beispiel im Rollstuhl sitzen. Die Spiele enthalten therapeutische Elemente, die unter anderem aus Erkenntnissen der Geriatrie, der Neuropsychologie sowie der Physio- und Musiktherapie entwickelt wurden

Die „Memore-Box“ wurde in einer ersten Pilotphase in zwei Berliner und Hamburger Einrichtungen über 18 Monate getestet. Bei Bewohnern, die zwei bis drei Mal in der Woche damit spielten, zeigte sich eine Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit, der Stand- und Gangsicherheit, der Motorik, Ausdauer- und Koordinationsfähigkeit. Das ergaben unterschiedliche Befragungen von Spielwilligen und Teilnehmern des Projekts, die nicht spielten, über ein Jahr hinweg. Darüber hinaus konnten die sozialen Bindungen unter den Bewohnern gestärkt werden. Nun begleiten drei Universitäten das bundesweite Projekt.

Die von jungen Absolventen der Medizin, Philosophie und Informatik konzipierten therapeutischen Spiele funktionieren so, dass sie von Pflegebedürftigen durchgeführt werden können, egal ob sie demenziell erkrankt oder körperlich eingeschränkt sind.

Die Spielemacher wollen wegkommen von den nur auf Defizite fokussierten Sichtweisen in der Pflege. „Mit der Memore-Box ist es uns gelungen, eine digitale Anwendung zu entwickeln, die den pflegewissenschaftlichen Anforderungen genügt und zugleich nachweislich gesundheitsförderliche Ressourcen bei den Senioren stärken kann“, sagt der Mitbegründer von Retro Brain, Manouchehr Shamsrizi. Vorhandene Fähigkeiten mit Spaß am Spiel zu wecken und zu trainieren, ist Sinn des Projektes des sechsköpfigen Start-ups aus Hamburg. gd

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